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Geschichte der Drosselgasse
Die Drosselgasse war jahrhundertelang eine Wohngasse der Rheinschiffer. Berühmt wurde sie erst ab den 1880er-Jahren – durch singende Studenten, ein eigenes Lied und den Besucherstrom zum neuen Niederwalddenkmal.1
Diese Darstellung folgt dem Beitrag „Die Drosselgasse – ein Phänomen“ des Rüdesheimer Stadtarchivars Rolf Göttert aus dem Jahr 1998.1 Wo andere Quellen abweichen, sagen wir es.
Eine Gasse der Schiffer (15.–18. Jahrhundert)
Die Drosselgasse ist eine von sechs schmalen Gassen zwischen Oberstraße und Rhein und entstand vermutlich im 15. Jahrhundert, als die Altstadt erweitert wurde.1
Hier wohnten die Rüdesheimer Schifferfamilien, über Generationen. Ihre Häuser standen auf kleinen Grundstücken; in die Hinterhöfe kam man nur durch den Hausflur. Das genügte, denn ein Schiffer brauchte keine Wagen und Zugtiere, sondern Taue, Ruder und Segeltuch – die Boote lagen am Ufer.1
Neben den Schiffern lebten auch Beamte in der Gasse. Ein großes Anwesen zwischen Drossel- und Steingasse diente ab 1771 als Amtshaus verschiedener Behörden; 1814 war dort Johann Wolfgang von Goethe beim nassauischen Amtmann zu Gast.1
Woher der Name kommt – und woher nicht
Warum die Gasse „Drosselgasse“ heißt, ist nicht überliefert. Der Stadtarchivar hielt die beliebten Deutungen für Erfindungen: Weder hätten die Winzer der Weindrossel – einem Traubendieb – ein Denkmal gesetzt, noch hätten hier besonders viele Drosseln gesungen. In Dokumenten ab 1650 findet sich vereinzelt die Schreibweise „Druschelgasse“.1
Der Drosselhof und die Jahreszahl 1727
Das älteste Haus der Gasse ist der Drosselhof (Drosselgasse 5), ursprünglich ein Winzergehöft.1 Die Jahreszahl 1727 im Giebel, mit der heute geworben wird, bezieht sich nach Einschätzung des Stadtarchivs vermutlich auf einen Umbau; das Wohnhaus dürfte älter sein. Unter dem Weinkeller fand man bei Bauarbeiten die Gräber zweier römischer Legionäre.1
Im 19. Jahrhundert gehörte der Hof Familien, die Weinbau und Personenschifffahrt verbanden: Die schnellen Rüdesheimer Passagierschiffe („Wasser-Diligencen“) brachten Rheinreisende in die Stadt, und die Schifferfamilie schenkte im Sommer eigenen Wein aus.1 Als die Dampfschifffahrt dieses Gewerbe verdrängte – das erste Dampfschiff legte 1825 in Rüdesheim an2 –, wurde der Drosselhof 1857 zur festen Weinwirtschaft.1
Wie die Gasse berühmt wurde (1880er-Jahre)
Gesang lockte Gäste an: Der Wirt des Drosselhofs ließ Studenten des Binger Technikums sonntags ihre Studentenlieder singen und schenkte ihnen dafür Wein aus. 1885 schrieb Otto Hausmann dem Haus ein eigenes Lied, „Zu Rüdesheim in der Drosselgass …“.1
Hinweis: In der Wikipedia steht 1887 als Entstehungsjahr des Liedes. Wir folgen dem Stadtarchiv (1885).
Dazu kam das Niederwalddenkmal oberhalb der Stadt, gebaut von 1877 bis 1883.3 Zur Einweihung im September 1883 war Rüdesheim voller Gäste – im selben Jahr hatten zwei große Brände sämtliche Häuser der unteren Gassenhälfte zerstört. Sie wurden rasch wieder aufgebaut.1
Schallplatte, Rundfunk, Konkurrenz (1920er- und 1930er-Jahre)
Bundesweit bekannt wurde die Drosselgasse in den 1920er-Jahren: Ein neuer Besitzer des Drosselhofs ließ das alte Hauslied auf Schallplatten pressen – auch als Postkarten-Schallplatte – und schickte es an die Rundfunkanstalten. Viele Deutsche kannten das Lied, bevor sie die Gasse sahen.1
Der Erfolg zog Wettbewerber an: 1928 eröffnete gegenüber der „Lindenwirt“, 1930 zog in das frühere Amtshaus das „Weinhaus Rüdesheimer Schloß“. Es folgten laute Jahre mit Tanzkapellen, Streit um die Polizeistunde und Beschwerden der Nachbarn.1
Nach der Machtübernahme verfügte der Landrat am 10. April 1933, in den Stimmungslokalen sei „nur eine dem deutschen Empfinden entsprechende Musik“ zu spielen; ausdrücklich verboten wurde „überlaute Jazzmusik“. In den 1930er-Jahren brachte die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ Gäste in Sonderzügen nach Rüdesheim.1
Zerstörung und Wiederaufbau (1944 bis heute)
Beim Bombenangriff auf Rüdesheim am 25. November 1944 brannten Lindenwirt und Rüdesheimer Schloss nieder; der Drosselhof blieb verschont.1 Der Angriff forderte in der Stadt über 200 Tote.2
Nach dem Krieg wurden die Weinhäuser wieder aufgebaut, das Rüdesheimer Schloss in den stehengebliebenen Außenmauern. In den folgenden Jahren übernahm die Gastronomie auch die letzten Häuser der Gasse; neben Flaschenwein gab es nun offenen Wein und Bier – zum Ärger der Winzer, aber passend für Gäste aus dem Ausland.1
Die alten Rundgesänge sind laut Stadtarchiv inzwischen verschwunden, die Tanzkapellen leiser geworden. Die Wirte setzen auf vielfältige Angebote für unterschiedliche Gäste.1
Zeitleiste
| Jahr | Ereignis | Quelle |
|---|---|---|
| vermutlich 15. Jh. | Anlage der Gasse bei der Erweiterung der Altstadt | 1 |
| ab 1650 | vereinzelt „Druschelgasse“ in Dokumenten | 1 |
| 1727 | Jahreszahl im Giebel des Drosselhofs (vermutlich Umbau) | 1 |
| 1814 | Goethe zu Gast im Amtshaus an der Gasse | 1 |
| 1857 | Drosselhof wird feste Weinwirtschaft | 1 |
| 1877–1883 | Bau des Niederwalddenkmals | 3 |
| 1883 | zwei Großbrände, untere Gassenhälfte zerstört | 1 |
| 1885 | Lied „Zu Rüdesheim in der Drosselgass“ | 1 |
| 1920er | Lied über Schallplatte und Rundfunk verbreitet | 1 |
| 1928 / 1930 | Lindenwirt / Weinhaus Rüdesheimer Schloß eröffnet | 1 |
| 1933 | Anordnung gegen „überlaute Jazzmusik“ | 1 |
| 25.11.1944 | Bombenangriff; Lindenwirt und Schloss zerstört | 1 |
| Nachkriegszeit | Wiederaufbau, Gastronomie in allen Häusern | 1 |